Veranstaltung „Der Wolf in MV“ – ein Resümee von Raoul Bajorat & Enrico Schult:
„Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?“ – „Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nusshecken, das wirst du ja wissen,“ sagte Rotkäppchen. Der Wolf dachte bei sich: Das junge, zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als die Alte.“
So oder so ähnlich klingt die erste Information, die Kinder in Deutschland zum Wolf bekommen, meist vorgelesen von Eltern oder Großeltern. Und das Märchen von Rotkäppchen und dem Wolf prägte auf diese Weise Generationen von Deutschen. Allerdings seit ungefähr 150 Jahren ohne jemals einen leibhaftigen Wolf gesehen zu haben, außer vielleicht im Zoo.
Das ist seit einigen Jahren anders. Über Oder und Neiße sind die Wölfe vor einigen Jahren nach Deutschland zurückgekehrt. Als Reaktion darauf, dass ihnen plötzlich wieder Lebensräume zur Verfügung stehen. Ehemals militärische Übungsgebiete der NVA und der Roten Armee waren die ersten Rückzugsorte. Und offenbar scheinen die Tiere mit dem zurückeroberten Lebensraum gut klarzukommen, sie vermehren sich. Inzwischen gibt es in Deutschland etwa 160 erwachsene Tiere, Trend steigend. In Mecklenburg Vorpommern wird von 3 Rudeln (per Definition etwa 2 bis 10 erwachsene Tiere), 3 Paaren und vier „einsamen Wölfen“ ausgegangen, wobei zu erwarten ist, dass diese Zahlen noch deutlich steigen, da die Population aus Südbrandenburg und Nordsachsen sich nach Nordwesten ausdehnt.
Diese und viele andere Informationen bekam zu erfahren, wer am 07.12.2017 in Demmin, Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, die vom AFD-Kreisverband organisierte Veranstaltung zum Thema Wolf besuchte. Etwa 30 interessierte Zuhörer waren erschienen um den vier sehr kompetenten Vortragsredern zuzuhören und mit Ihnen zu diskutieren. Die sehr ausgewogen besetzte Runde bestand aus: Volker Spicher, Wolfsexperte des Müritz-Nationalparkamtes, Jürgen Lückhoff, Vorsitzender des Landesverbandes der Schaf- und Ziegenzüchter, Marion Wendt, Geschäftsführerin des Bauernverbandes Demmin sowie als Vertreter der grünen Zunft Egbert Scholle, Vorsitzender des Jagdverbandes Demmin.
Naturgemäß hatte jeder der vier eine ganz eigene Sicht auf die Dinge, geleitet von Erfahrungen und beruflichen Interessen, aber durchweg vorgetragen auf kompetente und sachliche Art. Und es ist ja auch nicht verwunderlich, dass ein Viehhalter ein durchaus gespaltenes Verhältnis zu einem Großraubtier in einer wachsenden Population hat. Die Wolfsangriffe auf Weidetiere sind bekannt, gut dokumentiert, sie erzeugen einen wirtschaftlichen Schaden, traumatisieren Herden und Züchter. Aber die Experten erklärten auch, dass der Wolf nur etwa ein Prozent seines Nahrungsbedarfs durch Risse von Nutztieren deckt, die übliche und überwiegende Nahrungsquelle ist Wild.
Dabei jagd der Wolf erheblich effektiver als der Mensch, so Egbert Scholle vom Jagdverband: Die Beute des Wolfes sind die jungen, die kranken, die schwachen Stücken. Und ja, der Wolf trägt auf diese Weise zu einer gesunden Wildpopulation bei. Und braucht dabei etwa vier Kilogramm Nahrung pro Tag und erwachsenem Tier, wie Volker Spicher erklärte.
Die Fragen und Diskussionsbeiträge aus dem Besucherkreis fielen durchaus unterschiedlich aus, auch hier meist interessen- und erfahrungsfundiert. Vom Viehzüchter, dem es am liebsten wäre, dass die Wölfe wieder verschwinden und der erklärte, dass Fördermittel für Schutzmaßnahmen gut und schön sind, aber beileibe nicht ausreichen, bis zur Meinung, dass der Wolf seine natürliche Heimat wiedergewonnen hat und jedes Recht hat, hier zu leben, reichte das Meinungsspektrum.
Als Tenor der von Enrico Schult vom AFD Kreisvorstand organisierten und sehr souverän moderierten Veranstaltung kann vielleicht das Folgende nachklingen:
Der Wolf ist da und er wird wohl bleiben. Es ist gemeinsame Aufgabe aller Interessenvertreter, das Zusammenleben mit dem Wolf so zu gestalten, dass die daraus entstehenden Lasten finanzieller Art nicht nur von den Viehzüchtern geschultert werden müssen, sondern auch von denen, die fernab von der Natur in großen Städten und Ballungsräumen die Rückkehr des Wolfes bejubeln, sowie natürlich allen, die zwischen diesen beiden Polen des Meinungs- und Erfahrungsspektrums stehen.
Ob dabei der Ruf nach Steuergeld immer die erste Wahl sein muß ist sicher diskussionswürdig. Denn wer hochwertiges Fleisch aus artgerechter Weidehaltung essen möchte, der sollte bereit sein, auch einen angemessenen Preis, der alle Kosten der Landwirte berücksichtigt, zu zahlen. Das wäre nur fair.